FOURIER AUF DER REISE NACH PRAG - ursprünglich der Sammeltitel für die drei Musikstücke - war eine Auftragsarbeit des Holzschnitzers Gerhard Maier anlässlich der erstmaligen Schliessung seines Ateliers im alten Bahnhof der Pferdeeisenbahn, Kerschbaum 1996. Für mich war es eine Gelegenheit die Methoden der Fouriertransformation, mit denen ich mich in den Jahren davor theoretisch auseinandergesetzt hatte, zum erstenmal auf eine ganze Komposition anzuwenden und die dabei entstandenen Programme zum Einsatz zu bringen.
Künstlichen Raumklang gab es in der Studiotechnik schon von Anfang an. Mich hat das nie interessiert, ich sah das mehr als tontechnische Kosmetik, als billigen Effekt, denn als formale Methode. Erst durch die Anwendung der Fouriertransformation zeichneten sich ganz andere Perspektiven ab: Was passiert, wenn jeder beliebige Klang Raumklang sein kann ? Was, wenn der Raumklang minutenlang dauert, oder überhaupt nicht mehr aufhört ? Die drei Stücke geben unterschiedliche, extreme Antworten auf solche Fragen.
Die Trilogie beginnt mit einer Parodie auf den Morgenverkehr einer Landstrasse und mündet schliesslich in den Jubel von zwei Millionen Freuqenzen, die durch wenige, einfache Glissandi evoziert werden, bis auch diese mit einem Tusch im Erdboden versinken.
G.R.

Bernard Parmegiani
POUR ENFINIR AVE LE POUVOIR D'ORPHEE 23min, stereo, 1971
L'OEIL ECOUTE 19min, stereo, 1971
Der heute dreiundachzigjährige Bernard Parmegiani ist nicht nur einer der führenden konsequenten Vertreter der französischen akusmatischen Musik, sondern auch einer der eigenständigsten. Seine Handschrift ist unverkennbar, von den ersten Tonbandstücken Anfang der Sechzigerjahre bis hin zu den neuesten, am Coputer geschaffenen Werken.
Er scheut nicht repetitive, suggestive Wirkung, wo es Sinn macht, und meistert sie souverän, ohne je in New Age-Kitsch oder Minimalismen abzurutschen. Darin ist er dem durchaus seelenverwandten Dieter Feichtner, trotz diametral entgegengesetzter Arbeitsweise, kongenial. (Dieter Feichtner kannte Parmegianis Musik und es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Parmegiani Feichtner bei seinem einmonatigen Gastspiel mit The Trio und dem Ballett von Carolyn Carlson an der Pariser Oper gehört hat).
Auf den ersten Blick irritierend ist der Titel 'Pour enfinir avec le pouvoir d'Orphee' (um Orpheus' Macht zu beenden). Gegen wen oder was richtet sich das ? Pierre Henry fällt einem da gleich ein. Die Medienoper 'Orphee' von Henry/Schaeffer (Uraufführung in Donaueschingen 1952 !) führte zu einer noch nie dagewesenen Spaltung innerhalb der europäischen Musik, die im Grunde bis heute nicht überwunden ist.
Henrys Extrakt daraus 'Le Voile d'Orphee' ist ein Meilenstein der dramatischen akusmatischen Musik. Tatsächlich vermeint man bei Parmegiani Anklänge an die Leier des Orpheus zu hören, wie sie Henry durch ein verstimmtes Cembalo symbolisiert.
Erstaunlicherweise entbehrt aber gerade dieses Werk Parmegianis keineswewgs einer orphischen Dimension. Ihm wohnt durchaus die Kraft inne, für Momente die Tore zur Unterwelt zu öffnen. Vielleicht ist das die Botschaft, dass das Orphische nicht patentiert werden kann, dass es nicht einem alleine gehören kann (nichteinmal Orpheus selber), sondern ein essentieller Aspekt jeder Musik ist, die dorthin strebt, wo sie ihr Wesen entfalten kann: unter die Oberfläche.
G.R.

"Maybe from looking too hard, man has forgotten to listen. And the eye, having become the 'solitary wanderer' can only hear what disturbs it. This is what I meant when I created the piece" (B.Parmegiani ueber L'OIEL ECOUTE)

CD-Hinweis
Günther Rabl WERKE 10, FOURIER AUF DER REISE NACH PRAG ccr410